Muscle Car - Chrysler 300SRT

Die elektronischen Helfer haben Pause

Bernie Vollmers öffnet die Fahrertür seines erst 10 Jahre alten Chryslers und steigt über die blau beleuchteten Einstiegsleisten ein. Die Memory-Funktion lässt nicht nur den Sitz und das Lenkrad in die gespeicherte Position sirren, sondern auch die Pedale. Er streicht kurz über die Schaltkulisse und startet den Motor. Irgendjemand kippt ein paar Liter Super in den Hemi und die Zündfunken lassen es in den konkaven Brennräumen episch explodieren. Was da jetzt ungeduldig im Standgas läuft, klingt nach einer echten amerikanischen Legende. Bernie schnallt sich an, legt die Fahrstufe ein und drückt den Knopf im Armaturenbrett, der die Stabilitätsprogramme ausschaltet. Den haben andere Performance Cars auch, und wie auch bei AMG (aber das wissen die meisten nicht) werden damit die kleinen Helferchen natürlich nicht ganz vom Netz genommen … Aber sie lassen einem viel mehr Freiheit …

Muscle Car - Chrysler 300SRT
Heavy Metal, aber noch lange kein altes Eisen.

Muscle Cars sind tot – es leben die Muscle Cars!

Als die Muscle Cars in den USA starben, glaubte da drüben niemand mehr an lange, komfortable und kraftvolle Limousinen mit viel Platz zum kleinen Preis. Und dann kam Chrysler. Mit einem schielenden Auge auf AMG und BMWs M-Division nahm man sich ein Auto aus der regulären Produktionsreihe und packte noch ordentlich was drauf. „Street and Racing Technology“-Direktor Dan Knott ließ den 5,7-Liter-Standard-Hemi auf 6,1 Liter aufbohren und höher verdichten. Der Block bekam eine einzige zentrale scharfe Nocke für die 16 Ventile aus Leichtmetall. Halb so viele Ventile wie üblich, dafür doppelt so viele Zündkerzen. Die verstärkte Kurbelwelle war gut für melodiöse 6.400 Umdrehungen pro Minute. Keine elektronisch geregelten Ventilöffnungszeiten. Auch das Kupplungspedal entfiel. Die von SRT überarbeitete 5-Gang-Automatik tat ihren Dienst gewissenhaft und war bei Vollgas-Schaltvorgängen im roten Drehzahlbereich immer gut für einen aufröhrenden Bumms aus den Rohren hinten raus.

Muscle Car - Chrysler 300SRT - Sportsitze
Die Ledersitze klammern sich am Rücken fest.
Muscle Car - Chrysler 300SRT - 6.1 L Motor
Wer Hemi kennt, wird den 6,1-Liter lieben.
Muscle Car - Chrysler 300SRT - Cockpit
Nur die nötigsten Informationen.
Muscle Car - Chrysler 300SRT - Sportsitze
Muscle Car - Chrysler 300SRT - 6.1 L Motor
Muscle Car - Chrysler 300SRT - Cockpit

Darf’s von allem ein bisschen mehr sein?

Was den werksveredelten 300C SRT8 über all seine populären Konkurrenten erhaben machte, war sein Preis. Für 50.000 Euro stand er tiefergelegt auf dem europäischen Kontinent als voll ausgestatteter Neuwagen wie ein 2-Tonnen-Fels in der Brandung, beschleunigte mit seinem Drehmoment von 569 Nm faltenglättend und regelte die Endgeschwindigkeit nicht wie die Deutschen bei 250 km/h ab – sondern erst bei 265 km/h. Im Land der Speed-Limits waren das nur akademische Werte, aber wer so wahnsinnig viel mehr Geld für German Luxury ausgegeben hatte, war logischerweise extrem angezickt von dieser Nachricht. Und dann sah der Klotz auch noch echt böse aus. Bernie gönnte sich die schwarzen Scheinwerfer und Nebelscheinwerfer, hinter denen H7 Nightbreaker Unlimited und Osram Original H1-Lampen arbeiten – wenn man sie denn einschaltet. Wenn nicht, sieht einfach alles schwarz aus.

Chrysler 300SRT - Scheinwerfer
Ganz schön schwarz. Aber da sind Lampen dahinter!

Übermenschlich kraftvoll

Vollmers am Steuer strahlt wie ein kleiner Junge beim ersten Mal im Autoscooter. Er spielt mit der Physik, als hätte es Einsteins Postulate nie gegeben. Mir fallen die Niederquerschnittswalzen auf den riesigen Felgen auf, die gern direkte Geschichten über die Straße unter ihnen erzählen. Vollmers erwähnt beiläufig, dass hier 22-Zöller (255/35) drauf sind und tritt wieder durch. Die über 5 Meter lange Limousine dreht hoch in die nächste Rennsportrunde. Dieses Auto kann einfach in allen Bereichen mehr, als man seinem Hafencontainer-Design zutraut. Mensch, Herr Knott, was haben Sie denn da aus dem Vollen gefräst? Das glaubt Ihnen doch kein Mensch.

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