Als man noch nachdenken musste …

Schöne neue Welt. Was uns in aktuellen Autos an Komfort und Messelektronik umgibt, nehmen wir als selbstverständlich hin. Die Fahrzeuge halten von selbst die Spur, bremsen und beschleunigen wie von Geisterhand ihren Vorausfahrenden hinterher und parken auf Wunsch völlig autonom in einer hinreichend großen Lücke ein. Es ist noch gar nicht so lange her, da musste man beim Autofahren noch eigenständig nachdenken, gucken, entscheiden und reagieren. Die ersten serienreif verbauten sensorischen Einrichtungen wirken heute unperfekt und unbeholfen, sind aber deshalb umso liebenswerter. Wir parken heute einmal im Selbsttest mit einer optischakustischen Einparkhilfe aus den 90ern rückwärts ein.

Zwei Sensoren mussten reichen

Rückwärts einparken und bis auf Handbreite an den Hintermann ran, ohne ihn zu berühren – das geht inzwischen mit sechs Sensoren, Radar oder Kamera problemlos. Außerdem wird permanent der Abstand zum Nebenmann und dem vorausfahrenden Fahrzeug gemessen und bei Bedarf gewarnt oder gebremst. Noch in den 90ern war man selbst beim Einparken auf sein Gefühl, einen signalgebenden Passanten oder eine spiegelnde Schaufensterscheibe neben dem Fahrzeug angewiesen. Zwar verbaute Toyota schon in den 80er-Jahren auf Ultraschall basierende Sensoren in die hinteren Stoßfänger der Fahrzeuge ein (da nannte man das noch „Sonar“), aber noch in den 90ern gab es Systeme mit zwei oder vier Sensoren oft nur in der Oberklasse, und meistens als aufpreispflichtige Option. Zwei dieser Dinger in den Dimensionen von Espressotassen thronen bei unserem Testobjekt im hinteren Stoßfänger und vergleichen emsig den rausgesendeten Ultraschall mit dem wieder aufgefangenen. Ihre im vermutlich noch handgelöteten Steuergerät verglichenen Daten senden sie dann an etwas wundervoll Schrulliges, was da irgendwie nicht hinzugehören scheint.

Warnlampen im Heizlüfterformat

Kennt ihr diese kleinen Walzenheizlüfter aus dem Zubehör, die man auf der Hutablage anschrauben kann? Zum schnelleren Enteisen oder Belüften der Heckscheibe? So ähnlich sieht der kleine Lampenträger aus, der hier ab Werk installiert ist und einen nach dem Einlegen des Rückwärtsgangs direkt ins Pac-Man-Zeitalter zurückbeamt. Eine Ampel aus Rot, Gelb und Grün leuchtet kurz auf und signalisiert mit einem lauten „Beep“ ihre Bereitschaft zur Mitarbeit. Man kann das im Rückspiegel recht gut sehen, muss sich also nicht einmal umdrehen. Dann springt die Ampel auf Grün. Also Platz genug, behauptet zumindest das Team Ultraschall und Heizlüfter. Lasse ich das Auto nun langsam rückwärts rollen und komme meinem Hintermann näher, springt die Ampel mit einem weiteren Beep auf Gelb. Wie man das auch aus aktuellen Autos kennt, folgen bei weiterer Näherung periodische Piepstöne, dann wird die Ampel rot und der Ton trötet dauerhaft und nervig. Eigentlich hasse ich das. Aber in Verbindung mit diesem Farbspiel ist es irgendwie … retro.

Heute ist alles besser

Parksensoren mit Ultraschall oder Radar, Einparkhilfen und Kameras sind heute viel kleiner und entweder unsichtbar oder ins Design des Fahrzeugs nahtlos integriert. Diese schrullige, über 20 Jahre alte Lösung funktioniert zwar, ist aber durch nur zwei Sensoren sehr ungenau und nur bei wirklich geradem Zurücksetzen zuverlässig. Trotzdem zeigt sie, wie immer neue Ideen umgesetzt und verbessert werden, um den Autofahrern das Leben vermeintlich zu erleichtern. Ich kenne viele Leute, die auf ihre Rückfahrwarner nicht mehr verzichten möchten. Ich persönlich bin im Jahr 2018 schon von so viel Überwachung und Automatismus umgeben, dass ich mich in meinem Auto weitestgehend auf meine Augen, meine Ohren und meinen Verstand verlasse. Aber nun – das Teil ist nun einmal da und piept und blinkt zufrieden vor sich hin. Mal sehen, wann ich da die ersten Lampen auswechseln muss …

 


    

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  • Erwähnenswert wären vielleicht noch deren Vorgänger. Die Fresnell-Weitwinkellinse (die man oft im T3-Bulli sah), die wackelnden „Fühler“ an den Stoßstangenecken alter US-Autos und nicht zuletzt die ausfahrbaren Peilstäbe an der W140er S-Klasse…

    Ich möchte meine Einparkhilfe (vorn und hinten je 4 Sensoren, Balkenanzeige im Navidisplay) heute nicht mehr missen und mein nächstes Auto MUSS auf jeden Fall zusätzlich noch eine Rückfahrkamera haben.
    Was ich nicht brauche ist ein vollautomatischer aktiver Einparkassistent.