Wir Deutschen haben ja manchmal ein gespaltenes Verhältnis zur Hauptuntersuchung unserer Autos. Je älter die werden, desto heftiger wird die frische Plakette abgefeiert. Denn wer sich nicht regelmäßig um den Zustand seines Autos kümmert, kann schnell von einem Prüfer eine unerwartete und teure Liste an Reparaturen in die Hand gedrückt bekommen. Auch in Schweden gibt es die Hauptuntersuchung. Aber wie auch in einigen anderen Ländern ist die Regelung für Oldtimer dort anders und in ständiger Veränderung. So müssen beispielsweise Fahrzeuge, die vor 1950 gebaut wurden, nur noch einmal nach Erwerb vom neuen Besitzer zur Technischen Prüfung gebracht werden – und danach nicht mehr. Sofern sie technisch gesund und straßentauglich sind. Das spült ein paar schräge Stilblüten auf den Asphalt!

Das autoaffine Land im hohen Norden, voller roter Holzhäuser und blonder Frauen (wenn man den Klischees glauben will), hat seit jeher eine Vorliebe für amerikanische Straßenkreuzer. Die kommen einem da an jeder zweiten Kurve entgegen, aber der Cadillac Sedan DeVille von Micke Edholm fällt anders auf als die anderen. Er sieht aus wie gerade erst aus dem Wald gezogen. Völlig verrostet, zusammengebraten, genietet und mit Gaffer geklebt. In Deutschland würden entsetzte Anrufe besorgter Bürger bei der Polizei seinen Weg säumen – in Schweden sieht man das gelassen. Der Typ am Steuer weiß, was er tut. Er hat den Straßenkreuzer vor sechs Jahren aus dem New Yorker Hafen gekauft, als schon Bäume durch das Dach wuchsen. Chassis und Bodengruppe wurden geschweißt, Motor und Getriebe getauscht, die Elektrik neu verlegt und die Bremsen komplett gemacht. Der Kern dieses Autos ist gesund. Man sieht es ihm nur nicht an.

Micke hat sich eine kleine Uneinigkeit bei den schwedischen Behörden zunutze gemacht. Der TÜV fällt aktuell für Autos weg, die vor 1950 gebaut wurden. Der Cadillac ist aber Baujahr 1958. Das Gesetz soll demnächst tatsächlich dahingehend geändert werden, dass alle Autos von der regelmäßigen Hauptuntersuchung befreit werden, die älter als 50 Jahre sind. Und einige Behörden arbeiten schon mit dieser Altersgrenze. Hinzu kommt, dass für Autos älter als 30 Jahre auch keine Steuern mehr gezahlt werden müssen, preiswerter kann man also fast nicht von A nach B kommen. Technisch müssen die Fahrzeuge aber auch nach der „finalen“ Abnahme noch vertretbar sein. Die Bremsen müssen bremsen (check!), die Beleuchtung muss leuchten (check!) und alle Türen müssen sich öffnen lassen (äähhh …). Vorgestern bei der Polizeikontrolle war das der einzige Mangel. Sie mussten eine der zugenieteten Türen aufbrechen und sie mit Gafferband am Rahmen halten. Dann ging sie auf. Ein paar scharfe Kanten wurden vor Ort plangefeilt und das rechte Rücklicht wiederbelebt. Alles okay, gute Fahrt.

Der Cadillac sieht nicht so aus, aber er fährt über 200 km/h. „It always teases somebody“, schmunzelt Micke, der mit dem Auto von den anderen, den Chrompolierern, sofort in die Proletenecke des White Trash abgeschoben wird. Das ist ihm egal. Er startet den Motor mit dem dicken Blower oben drauf (rund 500 PS, egal), schaltet das Licht an (ja, das funktioniert tatsächlich tadellos) und schrummelt in dem Wagen zusammen mit acht oder neun Freunden die Straßen rauf und runter. Schwedischer Lifestyle, nur ein wenig anders verpackt und ein bisschen egal. Und aus den offenen Fenstern tönt schwedische Countrymusik. Das Leben ist schön, auch mal ohne Chrom, egal.

Kommentieren Sie diesen Artikel

*Pflichtfelder
    • Sehr gern.
      Für alle, die diesen Hype nachvollziehen können und auf vielschichtige Herangehensweisen zum Thema „Oldtimer“ stehen empfehle ich einen Besuch in Schweden, vielleicht nächstes Jahr beim Big Power Meet in Västeras…
      Jens

    • Denny! Du hier??
      Und du hast einen 58er Sedan DeVille? Wie kommt das? Wir haben uns lange nicht mehr gesehen 😉
      Viele Grüße aus dem Norden
      Jens