Ja, auf den ersten Blick sehen einige Fahrzeuge im hohen (also im sehr hohen) Norden aus wie die überzeichneten, bunten Rallyekisten, die wir als Kinder durch die Sandkiste geschoben haben. Dicke Scheinwerferbatterien vor der Stoßstange, manchmal auch zusätzlich hoch aufragende Lichtleisten auf dem Dach. Das brennt eine tiefe Schneise durch das ästhetische Empfinden eines durchschnittlichen Deutschen. Verehren wir doch unsere durchdacht designten, glatt und aus einem Guss erschaffenen Metall-Ikonen ohne Sicken und Spaltmaße. Und dann sowas. Aufgepfropft, davorgeschraubt, blasenartige Lichtspender fern eines ursprünglichen, automobilen Gesamtkonzepts. Vor einem Baumarkt in Nordschweden sieht mich Thor Persson lachen und nimmt mich mit ernstem Gesicht beiseite.

Ja, sie tanzen singend um die Midsommar-Stange, die Schweden. Das ist lustig. Aber was schon kurz danach kommt, ist alles andere als lustig, das ist eine lange, dunkle Nacht. Je weiter man sich dem Polarkreis nähert, desto weniger sieht man in den skandinavischen Wintermonaten die Sonne. Die ohnehin schon dünn besiedelten Länder Norwegen, Finnland und Schweden fühlen sich regelrecht entvölkert an, wenn man mit seinem Auto die hell erleuchtete Stadt verlässt. Auf langen Überlandstraßen fahren viele Schweden manchmal Hunderte von lichtlosen Kilometern durch dunkle Wälder und bergige Fjordlandschaften. Dunkelheit. Fast undurchdringliche Dunkelheit, von Oktober bis Februar nahezu rund um die Uhr. Thor streichelt liebevoll über einen der Pencil Beams vorn.

Ja, gebündelt nach vorn abstrahlende, überdimensionierte Scheinwerfer zusätzlich zu den werksseitigen Lichtquellen machen bei dieser Dunkelheit Sinn. Der Zustand der Überlandstraßen ändert sich im Winter bei Frost und Nässe über Nacht, und Schlaglöcher können bei zweistelligen Minusgraden für gefährliche Havarien sorgen. Und es gibt echte Elche. In der freien Wildbahn sind sie nicht die niedlichen Plüschtiere im Kinderzimmer, sondern über 500 kg schwere unberechenbare Waldbewohner. Ein Unfall mit diesen Kolossen endet meistens für alle Beteiligten tödlich. Wer weiter sehen kann, sieht mehr. Dieser Vorteil ist ästhetisch fragwürdig, kann aber Leben retten. Thor spricht von über 30.000 Lumen allein an seiner Stoßstange.

Ja, auch die dicken Dinger oben auf dem Dach sind nicht irgendwelchen unerfüllten Kindheitswünschen entwachsen. Weiter oben angebrachte Scheinwerfer strahlen noch weiter. Und die seitlichen Flood Beams erhellen flächig auch den Bereich neben der Straße. Oben im Norden setzt der Schneefall früh im Jahr ein. Und er hört meistens bis zum Frühjahr auch nicht wirklich auf. Wenn sich die beiseitegeschobenen Schneemassen entlang der Straße auftürmen, beleuchten vorn angebrachte Scheinwerfer die Szene nur wie einen weißen Tunnel. Die Dinger oben auf dem Dach strahlen darüber hinweg und machen auch die dunkelste Nacht rund um das Fahrzeug herum zum Tag.

Ja, das war jetzt oft ja. Thor Persson hat wohl Recht. Ich nehme mir vor, in Zukunft Unbekanntes erst zu hinterfragen, bevor ich lache. In Schweden wirft die jährliche Hauptuntersuchung (die heißt dort bilbesiktning) kein Auge auf die Anzahl der zusätzlich angebauten Scheinwerfer. Jeder Schwede kann so viele Lampen an sein Auto anbauen und einschalten, wie er möchte. In Ländern, in denen die ECE Norm gilt, spricht man oft von insgesamt nur sechs sichtbaren Strahlern. Genaugenommen ist die Anzahl egal, sofern die „Referenzzahl“, also die auf dem Glas angegebene Lichtleistung der einzelnen Scheinwerfer, ein Maximum von zusammen 100 nicht übersteigt. Das weiß hier fast niemand. Aber in Deutschland ist es auch nicht so dunkel wie in Schweden.

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  • Hej !

    Ich kann nur bestätigen, was Thor Persson gesagt hat.
    Ich habe lange genug in Schweden und Finnland gewohnt.
    Auf zigtausend Kilometern einsamer Landstraßen ist es
    nachts stockdunkel, „Lichtsmog“ gibt es dort oben nur über
    Städten. Begrenzungspfähle stehen lediglich entlang der
    Hauptstrecken, Reflektoren gibt es an den meisten Straßen
    also nicht. Die Dunkelheit verschluckt schwächere Schein-
    werferstrahlen regelrecht wie ein Wal komplette Fischschwär-
    me. Ohne ausreichend helle Scheinwerfer fühle ich mich beim
    Fahren in der nordischen Dunkelheit sehr hilflos. Ja, in Schwe-
    den darf jeder Autofahrer so viele Scheinwerfer anbauen,
    wie er möchte. NUR: Das Autodach darf sich unter der Last
    nicht durchbiegen

    Und wenn ich in Deutschland die vielen Autos mit ihren Kutsch-
    Kerzenlichtern herumfahren sehe …. die EU-Kommission will
    es so. Und da wir Deutschen ja besonders gesetzestreue Men-
    schen sind, halten wir uns strikt an EU-Recht, die Nordländer
    jedoch nicht. So lange ich den Gegenverkehr nicht blende,
    möchte ich mit hellem Licht fahren.

    Kisse Dipl.-Ing.