Ich verabscheue jegliche Art von Zwang, von Einsperren und von Enge. Das geht so weit, dass mir schon eine H4-Lampe ein bisschen leid tut, wie sie da im Scheinwerfergehäuse auf engem Raum vor sich hin leuchtet, Wärme abgibt und durch das dicke Glas nicht viel von der Welt zu sehen bekommt. Albern? Stimmt. Was mir aber vorgestern tatsächlich die Nackenhaare aufgerichtet hat, ist ein neuer Mitbewohner. Eine Spinne. Nicht etwa in der Dusche, wo man sie zärtlich abfischen kann, während die Freundin nackt, nass und hysterisch kreischend durch die Wohnung rennt und mit dem Handtuch die Modellautos aus dem Regal fegt. Nein. Im rechten Scheinwerfer meines Autos. Ja, genau, IM Scheinwerfer, hinter Glas, freundlich mit einem von acht Beinen winkend und um Auslass bittend. Sowas habe ich noch nicht erlebt. Wie kommt die da rein? Jetzt ist Handeln angesagt, denn dort drin ist das Nahrungsangebot nicht gerade üppig, außerdem befürchte ich des Nachts einen verfälschten Lichtkegel auf der Straße und nach einer Fernlichtstrecke leichten Brandgeruch. So weit soll es nicht kommen.

Wo ein Tier reinkommt, kommt ein Tier auch wieder raus. Möchte man meinen. Nachdem ich die Motorhaube geöffnet habe, sehe ich rücklings an dem betreffenden Scheinwerfer, dass die Gummilippe zum Fernhalten der Feuchtigkeit ein wenig verrutscht ist. Das könnte das Einfallstor von Aranea gewesen sein. Mein Technik-Kollege Fritz unkt per Mail noch, dass Spinnen von gelbem Licht angezogen werden. Er nimmt meine farblichen Vorlieben beim Autolicht einfach nicht ernst und wird sich in diesem Artikel auch noch fachlich zu meinem neuen achtbeinigen Freund und den Gummis hinten am Scheinwerfer äußern. Meine Mission ist vor allem, den Gliederfüßler unbeschadet aus dem Scheinwerfer meines Autos wieder rauszubekommen. Ziemlich schnell wird klar, dass es mit dem Entfernen des Gummis und dem Herausnehmen der Lampe nicht getan ist. Ich muss im Rahmen der Befreiungsaktion den ganzen Scheinwerfer herausnehmen und bin wieder einmal froh, dass das bei meiner alten Karre mit einer einzigen Kreuzschlitzschraube machbar ist.

Liebevoll schüttel ich den ovalen Kasten und kann durch das eingeklebte Glas erahnen, dass die Spinne sich sträubt. Sie stemmt sich mit ihren Beinchen gegen die Öffnung, in der normalerweise die Lampe sitzt. Ihr Selbsterhaltungstrieb scheint nicht mit dem Verhalten von menschlichen Autofahrern kongruent zu verlaufen. Ich bekomme sie da so nicht raus. Mein Nachbar guckt rüber, sieht mich den Scheinwerfer schütteln und fragt, ob er mir helfen kann. Nein, danke, das ist mir zu unangenehm. Ich entferne auf der Werkbank noch die eingeklemmte Halterung für den Lampensockel, richte eine warme, helle Schreibtischlampe auf das nun recht große Loch und lasse ein paar Minuten verstreichen. Da ist sie ja! Vorsichtig kommt der schwarze Körper mit den dünnen Beinchen heraus, wirft mir einen verwirrten und hungrigen Blick zu und flüchtet schnell in Richtung Garten. Mission erfolgreich.

Ich baue alles in fünf Minuten wieder zusammen und drücke diesmal die Gummilippe ein bisschen fester hinten auf den eingebauten Scheinwerfer. Es mag ja temporär warm und trocken in so einem Scheinwerfer sein, aber vielleicht bleiben die Tierchen und Insekten doch in Zukunft lieber in ihrem gewohnten Lebensraum.

Auf acht Beinen zum Licht 

von Fritz Lorek

Persönlich glaube ich zwar, dass eine Spinne im Scheinwerfer als Feature gesehen werden sollte. Tuner geben eine Menge Geld für böse Blicke und anderen Tand zur Schaffung eines unerhörten Überholprestiges aus. Was bewirkt jener Kram aber gegenüber dem Schrecken, den ein geschmackvoll hinterleuchteter oder gar projizierter Achtbeiner einjagt? Wen diese Frage nicht interessiert, stellt sich aber vielleicht jene, wie denn das Tier in den Scheinwerfer gelangt ist und warum es den beschwerlichen Weg zum Licht überhaupt antritt.

Um Seriosität bemüht, habe ich zunächst ein mehrbändiges Werk der Arachnologie konsultiert, wohinter völlig richtig die Spinnenkunde steckt. Ein Jünger dieser Wissenschaft namens Wenzel hat schon 1979 herausgefunden, dass die Augen von Spinnen für Wellenlängen über 450 Nanometer optimiert sind. Solcherlei Licht ist unter anderem – genau! – gelb!

Weil zur Lieblingslichtfarbe der Spinnen aber dann noch ein gehöriger Anteil Grün gehört, dürfte die Lieblings-Autolichtfarbe von Jens keine große Rolle bei der Quartiersuche seines Gasts im Scheinwerfergehäuse gespielt haben. Die wissenschaftlich auch Gliederfüßler genannten Tiere lieben einfach enge Schlupflöcher und Spalten. So etwas gibt es durchaus im Scheinwerfer, selbst wenn es nicht auf schlampig angebrachten oder defekten Dichtungen beruht. Schließlich haben die Augen unserer Autos ein Belüftungssystem. Durch dessen Kanäle finden schon mal Insekten und Spinnen ihren Weg ins kuschelig warme Scheinwerfergehäuse. Allerdings müssen sie dabei schon eher geschickt vorgehen, denn die Konstrukteure vermiesen den Weg eigentlich mittels Siebeinsätzen oder Labyrinthsystemen. Doch es soll Autofahrer geben, die mit grobem Werkzeug die Lüftungskanäle erweitern, weil sie ein paar Tröpfchen Beschlag im Scheinwerfer schneller austrocknen wollen – zur Freude achtbeiniger Tiere.

Was tun, wenn eine Spinne den erschrockenen Autobesitzer frech durch die Abschlussscheibe angrinst? Der Ausbau des gesamten Scheinwerfers ist nur solchen begnadeten Schraubern wie Jens zuzumuten. Alternativ kann der Gastgeber der kleinen Krabbler auf den natürlichen Freiheitsdrang der Spinne setzen, die im Scheinwerfer ja auch keine Nahrung findet. Also den rückwärtigen Deckel über Nacht abnehmen und eventuell auch die Lampen ausbauen. Das schafft Fluchtwege Ein präventiver Wechsel der Lichtquellen ist bei dieser Gelegenheit übrigens auch nicht dumm. Sorgfalt beim Wiedereinbau von Deckel & Co erschwert weitere unerwünschte Besuche.

Verweigert der vielbeinige Untermieter den Auszug oder sucht der Autobesitzer eine schnelle Lösung, findet er sie im Staubsauger. Der wird wiederum durch die Öffnungen für den Lampenwechsel angewandt. Tierfreund Jens wird mir für diesen Tipp womöglich die Freundschaft kündigen.

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