Der Sommer ist da, die Fahrt in den Urlaub steht an. Es gibt sie noch immer, die unternehmungslustigen Menschen, die sich nicht in die Billigflieger quetschen und nach dem Flug erst so richtig urlaubsreif sind – sondern die sich selbst, ihre Lieben und ihr Gepäck ins eigene Auto packen und den Weg zu einem Teil des Ziels machen. Autoreisen. Wie wundervoll. Wenn es weiter weg geht, vielleicht Südfrankreich, Italien oder Spanien, dann fahren viele gern in der Nacht. Da ist es nicht so heiß, es sind keine Staus zu erwarten und die Kinder schlafen hinten friedlich und entspannt. Allerdings ist der Mensch nun mal kein „Nachtmensch“. Der Sekundenschlaf kann tödliche Folgen haben, und die überall halbwissend propagierten Mittelchen dagegen sind fast alle kompletter Unsinn. Wir räumen einmal auf mit Dichtung und Wahrheit.

Es gibt einige Fakten, die können auch mit den besten Argumenten nicht wegdiskutiert werden. Wer müde ist, sollte schlafen! Punkt. Vor einer Nachtfahrt also am besten einen ausgiebigen Schlaf halten und ausgeschlafen ins Auto setzen. In der zweiten Nachthälfte ist es am schwersten, wach zu bleiben. Wer dennoch „durchstarten“ will, für den gilt: 0,0 Promille Alkohol, ein bisschen gute Musik, Snacks und Getränke dabei haben und gern einen Beifahrer mit Führerschein. Fahrten durch die Nacht sind eintönig und langweilen schneller als das Verkehrschaos bei Tageslicht. Musik, Gespräche und ein paar „Naschis“ sorgen für Abwechslung. Vorsicht: Den Moment des Einschlafens, auch wenn viele das Gegenteil behaupten, merkt man NICHT. Das Gehirn kann sich schon vor dem Schließen der Augen ausklinken. Was man aber schon reichlich vorher bemerkt, ist die aufkommende Müdigkeit. Und dann muss gehandelt werden.

Das Sichtfeld schränkt sich ein, die Konzentration lässt nach, irgendwie kann ich die Spur nicht mehr so richtig halten? Kaffee und Energy Drinks helfen: NICHT. Sie machen zwar kurz wach und geben dem Fahrer das Gefühl, wieder fit zu sein. Dieser Moment kippt aber schnell ins Gegenteil, denn die Müdigkeit wird nur vordergründig überlagert. Frische Luft durch das geöffnete Fenster hilft: NICHT. Warum sollte von kaltem Wind die Müdigkeit weggehen? Wirklich helfen können ein direktes Ansteuern des nächsten Rastplatzes und ein Nickerchen zwischen 15 und 25 Minuten. Ein paar Runden ums Auto drehen, recken und strecken und den Körper in Bewegung halten. Schlafen und Bewegung sind die einzigen Maßnahmen, um eine längere Nachtfahrt wirklich sicher zu überstehen. Solche Pausen sollten mindestens alle zwei Stunden erfolgen, auch wenn sie eingehalten werden, sollte nach allerspätestens 10 Stunden am Steuer der Beifahrer ran. Wer 24 Stunden ohne Schlaf unterwegs war, hat die gleiche Reaktionszeit wie bei 1,0 Promille Alkohol!

Lasst es nicht drauf ankommen. Niemand hat seinen Schlaf im Griff, seine Müdigkeit allerdings schon. Dimmt die Beleuchtung der Instrumente im Armaturenbrett so, dass sie nicht blendet, aber auch nicht zu dunkel ist. Sorgt für frische Luft und frische Gespräche bei guter Musik. Und wenn ihr merkt, dass ihr nicht mehr ganz da seid – tut euch und allen anderen den Gefallen und macht eine Pause. Ein paar Nacht-Selfies für Facebook mit schwirrenden Mücken unter Autobahnrastplatzleuchten sind cool. Pausen sind lebenswichtig. Und ein kleines Nickerchen auf dem Parkplatz wirkt Wunder und schafft eine ganz neue Freundschaft zum eigenen Auto. Probiert es aus. Gute Reise!

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  • Ich räume dann mal mit einem anderen Märchen auf: Das Koffein von Kaffee und Energy Drinks wirkt erst nach mindestens einer Stunde. Und wenn man sich beim Trinken auf den Kopf stellt, es kommt dadurch nicht schneller an. (Für alle, die bei einem starken Kaffe immer sagen: „Oha, den merkt man aber sofort“) 😉

    • Hi Benny,

      guter Einwurf. Die gefühlte Wahrheit ist doch immer noch die stärkste 😀
      Und Koffein lässt dich nach seiner kurzen, anregenden Wirkung umso müder werden. Es sorgt ja nicht für die notwendige Erholung, sondern stimuliert nur kurz und kitzelt „noch ein bisschen mehr“ aus deinen Nerven raus.

      Grüße von einem wachen
      Jens

    • Ich finde das auch immer süß, wenn Leute auf längeren Autofahrten Cola trinken um wach zu bleiben…
      Koffein wirkt, aber man sollte schon wissen wie. Ich nutze Koffein hauptsächlich als Konzentrations-
      und Aufmerksamkeitsbooster und bin dann „Pegeltrinker“. Faustformel: 1 Kaffee auf 200km.

      Wenn man das Koffein braucht, um nicht am Steuer einzuschlafen, ist man schon lange nicht mehr fahrfähig. Müde => Pause.

    • Ay turboseize,

      ja, müde = Pause. Oder noch besser eine zeitlang schlafen. Ich kenne aber auch Leute, die sind dann nach einer Coly komplett aufgekratzt…
      Das wiederum hält aber nur kurz.
      So langsam freue ich mich auf unseren Frankreichtrip. Der geht auch nachts los. Ich werde vorher aber guuuut schlafen…
      Jens

  • … Tatsächlich hatte ich den Sekundenschlaf schonmal – das muss ich zugeben. Auf der A81 Richtung Norden in der tiefsten Schwäbischen Steppe. … ich bin rechts ran, wir haben Fahrerwechsel gemacht. Der Zeitraum von ‚Ich bin noch wach‘ zu ‚ich könnte schlafen‘ kippt innerhalb weniger Minuten. Das fand ich krass.

    Dennoch blicke ich auf eine Jahresleistung von 100.000km und hatte bis jetzt über all die Jahre keine brenzlichen Übermüdungssituationen.

    Längste Autofahrt waren 15 Stunden von Hannover – Barcelona … alleine.

    Längste Autostrecke waren fünf Tage (pro Tag 16 Stunden) von Hannover über Baltikum zum Nordkapp und nochmal zwei weitere Tage wieder Richtung Süden nach Are (Schweden).
    Ging auch. 🙂

    Das A&O waren FRISCHE Luft und Sonne reinlassen! (Klima aus!), Musik (laut), Schuhe aus und entspannt den Tempomat einrasten.
    Abstand lassen und Ruhe bewahren!

    • Ay Philipp,

      vermutlich können wir alle mehr oder weniger spektakuläre Geschichten von viel zu langen Touren erzählen. Dass meistens nichts passiert, finde ich inzwischen schon fast verwunderlich. Allerdings gibt es auch viele Menschen, die immer wieder sturzbetrunken fahren und die auch immer wieder damit durchkommen.
      Und dann kommt eben dieser eine Tag, an dem alles anders wird…

      Aber ich stimme dir zu, eine Grundgelassenheit, ein offenes Fenster und gute laute Musik sind schon gute Entertainer. Ein Tampomat hingegen eher nicht. Solage ich mit meinen Füßen noch etwas machen muss, bin ich ein wenig wacher… Glaube ich…

      Im August geht es mit dem Auto nach Südfrankreich. Wir werden sehen 🙂

      Jens

    • Der Tempomat ist in der Tat eine große Hilfe bei Langstreckenfahrten. Es scheint mir so, daß ein Tempomat alleine dabei besser ist als ein adaptiver Abstandstempomat. Mit einem „dummen“ Tempomaten kann man einen Teil der Aufmerksamkeit, der ansonsten der Synchronisation von Tachonadel und rechtem Fuß gewidmet würde, auf die verkehrsbeobachtung lenken. Wenn ich den Wagen nur mit zwei Fingern fahren will, d.h. ohne Bremsen oder gaszugeben nur durch den Tempomaten flüssig mitfahren, dann muß ich ein exaktes Bild über die eigene und fremde Positionen und Bewegungen im Raum vor- und hinter mir sowie aller Relativgeschwindigkeiten haben. Das muß ich beim autofahren sowieso. Wenn ich mich nicht um so etwas Trivialem wie gasgeben und auf den Tacho gucken beschäftigen muß kann ich das besser – und weil ich mich auf ein Tätigkeitsfeld, nämlich Verkehrsbeobachtung konzentrueren kann, ermüde ich insgesamt weniger. Mit einem Abstandstempomaten ist die Versuchung jedoch groß, gar nichts mehr zu machen (außer zu lenken), mit Spurhalteassistenten wird es noch gefährlicher. Unterforderung ist auch nicht gut. Vor Allem ist die Schrecksekunde, wenn man wirklich eingreifen muß deutlich länger, wenn man nicht vollkommen in der Situation drinsteckt sondern sich erstmal orientieren muß. (Aus diesem Grund sehe ich auch das autonome oder teilautonome Fahren sehr kritisch: das braucht eigentlich noch besser ausgebildete Fahrer, aber das ist ein anderes Thema.)
      Genauso wichtig ist ein vernünftiges Nachtdesign des Innenraums (eine Disziplin, bei der die meisten modernen Cockpits jämmerlich versagen).
      600km durch die Nacht in einem tempomatierten Saab, und man steigt frisch aus. Ein Drittel der Strecke in einem aktuellen Auto mit virtuellem Cockpit und man ist wie gerädert… Ich hatte letztes Jahr das zweifelhafte Glück, einen Q7 von Wien nach München zu bringen. Nach 250km war ich vollkommen am Ende – übermüdet, unkonzentriert, und mir tränten die Augen. So fertig bin ich sonst nichtmal, wenn die Fähren aus irgendwelchen Gründen nichtfahren und ich die „Brückentour“ rund um die Ostsee nehmen muß und dann 1200km einfache Tour zu meinen Eltern haben. Nicht einmal ansatzweise.

      Der wichtigste Rat, um ermüdungsarm lange Strecken zurückzulegen lautet also: wenn Ihr lange Strecken fahren wollt, dann nehmt ein ein Auto, daß darauf ausgelegt wurde. Wenn Ihr das nicht habt und mit dem zurechtkommen müßt, was gerade verfügbar ist, akzeptiert, daß Ihr deutlich mehr Pausen braucht und in deutlich kürzeren Abständen, und daß die Strecke, die Ihr am Tag sicher zurücklegen könnt deutlich kürzer ist.
      Versucht nicht, da irgendwas mit Gewalt zu reißen – im Zweifel muß man halt mit mehreren Fahrern fahren und sich abwechseln.

    • Nachtrag:

      Oder in den sauren Apfel beißen und auf halber Strecke übernachten.
      Ein Zimmer im Motel ist immer noch deutlich billiger als jeder Blechschaden…

    • Jep. Lange Strecken lieber mit einer Übernachtung einplanen.
      Wir haben zu dritt in einem Etap Hotel irgendwo in Paris für 50€ genächtigt. Mit Frühstück. Das war nicht schön und nicht lecker, aber sauber und sehr erholsam.
      Deshalb mache ich ja auch den Weg zum Ziel. Durch die Nacht ballern, um schnell anzukommen – dann kann man auch den Flieger nehmen.

      Jens