Was sind Autofahrer heute verwöhnt! Keyless entry, rein in die gute Stube, *klick* Soundsystem an, *bling* Verkehrsmeldungen aufs Handy. Startknopf drücken, Xenonlicht oder LED-Multibeam anwerfen und ab in die Dunkelheit, ab auf die Piste. So als würde man seinen Sessel vorm Kamin gar nicht verlassen müssen. Normal? Ja, und das ist auch gut so. Vor knapp 100 Jahren musste die Fahrt in einem Automobil noch gut vorbereitet werden. Die Messlatte der Fortbewegung war die Pferdekutsche ohne Dach und ohne Licht. Die ersten Motorkutschen hatten, wenn überhaupt: Carbid-Lampen. Stilvoll. Sehr stilvoll.

Carbid. Wer kennt es? Wer von euch hatte auch in der Grundschule einen Freund, der ein Stück Carbid mitbrachte, es in der Pause auf einen Papierkorb legte, draufspuckte und es anzündete? Und wer musste dann nachsitzen, weil der halbe Mülleimer abgebrannt ist? Carbid also. Ein spannender Stoff für die allerersten, ernst zu nehmenden Lampen vorne dran an den ersten Autos.

Carbid fühlt sich an wie ein weicher Stein, riecht wie eine klassische Stinkbombe und hat die chemische Bezeichnung CaC2. Also, Oberstüfler aufgepasst, ein Teil Kalzium und zwei Teile Kohlenstoff. Es kommt in der Natur nicht vor und muss unter erheblichem Energieaufwand hergestellt werden. Aber: Wenn man Carbid mit Wasser in Kontakt bringt, entwickelt es das Gas Azetylen. Und das brennt ziemlich gut.

An der Seite unseres Testwagens aus dem Jahr 1907 schraubt ein gut gekleideter Herr ein kleines Gefäß auf dem Trittbrett auf und wirft einen dieser kleinen, grauen Klumpen da rein: *plitsch* rein in ein bisschen Wasser. So wie damals mit der Spucke und dem Mülleimer. Der Mann schraubt den Deckel wieder drauf. Er zeigt mit wissendem Blick auf einen dünnen Schlauch, der nach vorn zu zwei aufklappbaren Laternen führt. Nachdem er die dünnen Glasdeckelchen der beiden Lampen aufgeklappt hat, hält er ein Streichholz über den ersten kleinen Austritt vor dem Reflektor. Es floppt ganz leise, und in diesem Moment wurde quasi das Licht eingeschaltet, wie man es vor 100 Jahren gemacht hat.

Und dann brennt da ein zärtlich‘ Flämmchen, heiß, nicht ganz ungefährlich für die Finger. Wie eine Kerze, hinter der man einen Spiegel aufgestellt hat. Das ist das Abblendlicht um 1907. Die Flamme wird langsam heller, nach rund zehn Minuten ist erst die volle Leuchtkraft hergestellt. Ein nächtlicher Trip zum Imbiss um die Ecke muss demnach gut vorausgeplant werden. Also, damals. Ein Funzel-Flämmchen, verglichen mit aktuellen Scheinwerfern.

Aus heutiger Sicht mehr als beeindruckend und absolut simpel – Anfang des letzten Jahrhunderts hat das völlig ausgereicht. Automobile fuhren nicht viel schneller als 30 km/h, und es gab anfangs nur recht wenige von ihnen auf den meist schlechten Straßen. Sehen und gesehen werden war also mit so einem kleinen Carbid-Lämpchen ausreichend gegeben, viele Fahrzeuge hatten sogar nur eine einzige Laterne. Die Entwicklung und vor allem die Geschwindigkeiten der Autos nahmen über die nächsten Jahrzehnte einen rasanten Lauf. Heute stehen unser Sehwinkel und die Geschwindigkeit in einem ganz anderen Verhältnis, aber das ist eine andere Geschichte. OSRAM hat nennenswert zur Entwicklung des Lichts am Auto bis heute beigetragen, demnächst geht es hier weiter. Die Taxifahrt in die Vergangenheit ist erst einmal zu Ende.

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